1914-1918 – Die Entwicklung der Dinge

3.11.1915 Ein nächtliches Wasserbad

/ / Am Isonzo 1.7.1915-31.3.1916

Ein nächtliches Wasserbad – mit glücklichem Ausgang.

Heute lebhaftes Artilleriefeuer am Mte. S. Michele und stellenweise auch am Podgora.

Den ganzen Tag über regnet es stark. Meist hängen die Wolken so tief, dass man auf 100m nichts mehr zu sehen vermag. Am Abend tritt noch ein äußerst schweres Gewitter auf, so dass der Weg zu unserer Sammelstelle binnen kurzem einem großen See gleicht.

An diesen See der Gegenwart sollte sich für mich wider Erwarten noch kurz vor Toresschluss ein “nasses” Erlebnis mit beinahe ernstem Ausgang knüpfen, das ich des Erwähnens wert halte.

Wir sind gegen 8 Uhr in stockdunkeler Finsternis, lediglich mit einer Wagenlaterne bewaffnet, auf die Suche nach einem noch nicht zurückgekehrten Kameraden ausgegangen. Unsere Vermutung, dass er von dem Gewitter überrascht wurde und den Weg verfehlte, wird bestätigt. Nach längerem Bemühen finden wir ihn mitten auf der Straße, bis an die Knie im Wasser stehend, wo er sich nicht mehr vor- noch rückwärts getraut.

Nachdem wir ihn glücklich aus der Patsche gezogen haben, wenden wir uns zur Heimkehr. Ich habe es eilig und gehe ohne Licht voran. Ohne, dass es mir bewusst wird, komme ich aber von dem schmalen Fahrweg ab und verliere plötzlich den Boden unter mir.

Es ist – wie ich erst nachträglich erkenne – die Stelle, an der zu trockenen Zeiten eine kleine Brücke ihren Bogen über ein unschuldiges Bächlein spannt. Aus diesem Bächlein aber wurde inzwischen ein mindestens 2m tiefer, reissender Gebirgsbach, der nun durch den engen Straßendurchlass hindurchgurgelt.

Ich sitze unvermutet bis an den Hals in den Fluten. Zum Glück erwische ich noch im letzten Augenblick einen Gartenzaun, an dem ich mich festklammern und langsam herausziehen kann.

Da schließlich alles gut abgeht, ernte ich bei meinen Kameraden kein Mitleid. Im Gegenteil, “sie” ziehen mich mächtig durch den Kakao und unter ihrem nicht geringen Gelächter ziehe “ich” triefend in meine Häuslichkeit ein.

Kleidungsstücke und Geldscheine kommen sofort auf die Leine zum Trocknen. Ein paar kräftige Schlucke aus der Pulle werden dafür sorgen müssen, dass die sonst üblichen unangenehmen Begleiterscheinungen eines solchen kalten Bades auf ein Mindestmaß beschränkt bleiben.

Zum Schluss bin ich sogar noch selbst froh, dass die ganze Affäre noch so glimpflich ablief. Hätte ich keinen Halt gefunden, so wäre ich todsicher mit nach unten gezogen und später in die Wippach abgeladen worden.

Der nächste Tagebucheintrag folgt am 4.11.

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