1914-1918 – Die Entwicklung der Dinge

1.11.1916 Führungsringe

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Ruhe an der Front. Führungsringe.

Die Ruhe war nur von kurzer Dauer. Wieder muss ich mein Hab und Gut packen und zur Beobachtungz iehen. Meine Zeit ist zwar noch nicht gekommen – aber Befehl ist halt Befehl!

Der Gegenangriff der Franzosen am 30.10. hat – wie ich heute erfahre – keinen Erfolg gezeigt.

Halb 9 Uhr vormittags treffe ich in unserem Bacquets-Walde (auch Bäckerbusch genannt) ein. Ich bin erstaunt, an der Front alles ruhig zu finden.

Doch Langeweile liegt uns nicht. Es ist selbstverständlich, dass wir die etwas stillere Zeit benutzen, auch einmal einen Blick ausserhalb unseres Stollens zu werfen. Das ewige Hocken in den dunklen Bunkern und der muffigen, verbrauchten Luft wird auf die Dauer unerträglich.

Sind wir aber erst den engen Räumen entronnen, so treibt uns die Abenteuerlust schnell vorwärts. Die Ortschaften werden nach verborgenen Schätzen durchsucht. Mancherlei Nützliches und Unnützes fiel uns dabei schon in die Hände.

In dieser Gegend aber ist nicht mehr viel zu erben. Der Krieg wütet hier bereits allzulange. Wir sind deshalb bescheidener geworden und begnügen uns – wenn alle Stricke reißen – auch mit ein paar Führungsringen.

In der Batterie gibt es genug geschickte Hände, die wahre Wunderwerke daraus zu fertigen vermögen. Und als Kriegsandenken möchte ein jeder von uns gern irgendetwas – sei es nun ein Brieföffner oder ein Armband oder ein Ring – mit nach Hause schleifen.

Dabei ist das Suchen der Führungsringe nicht einmal ungefährlich. Ganz abgesehen, dass wir auch in ruhigen Zeiten ab und zu ganz unvermittelt durch eine feindliche Granate oder ein Schrapnell hochgeschreckt werden, sitzen brauchbare Ringe meist nur an Blindgängern. Ein einziger harter Schlag aber kann nachträglich ein solches Ding zur Explosion bringen – und manch einer hat schon seine Dreistigkeit büßen müssen.

Aber Not macht erfinderisch!

Heute erlebe ich einen besonderen Spaß. Einer meiner Kameraden entdeckt plötzlich ein wunderschönes Schrapnellchen, an dem noch der Zünder sitzt. Er traut dem Braten nicht und will erst einmal schauen, wie es mit der “Tücke des Objektes” bestellt ist. Vorsichtig bindet er einen fast 100m langen Telefondraht an das Geschoss. Dann trabt er – wie mit einem “Zirkuspferd an der Leine” – wohl eine Viertelstunde durch das Gelände. Und, erst nachdem ihm selbst der letzte Rest von Leben in diesem toten Gegenstand erstorben scheint, geht er mit seinem Seitengewehr ans Werk – ohne Unfall.

Es ist ein Bild für die Götter. Würde man aber wohl zu Friedenszeiten sein Leben um so nichtige Dinge aufs Spiel setzen?

  1. So ausführlich könnte es gerne bis zum Ende des Krieges weiter gehen.

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  2. „Würde man aber wohl zu Friedenszeiten sein Leben um so nichtige Dinge aufs Spiel setzen?“

    Der Tagebucheintrag war bis dahin eine runde Geschichte und Episode aus dem Krieg über dessen Randaspekte und Auswüchse wie der Beschaffung eines Führungsringes und dessen Risiken.

    Die Krönung ist aber jener letzte Satz, der auch zeigt, wie wach und wie wenig abgestumpft Ernst Pauleit da war, als er noch den Vergleich zum Leben in Friedenszeiten zog.

    Hut ab!

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  3. Meine Eltern haben mir aus WKII erzählt, das es ich glaube für 10 Ringe einen Tag Sonderurlaub gab!

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