1914-1918 – Die Entwicklung der Dinge

15.2.1917 Die Verwüstung in Peronne

/ / An der Somme 30.6.16-3.3.17

Auf vorgeschobener Beobachtung in Peronne. Die Verwüstung der Stadt. Trotzdem saubere Straßen.

Eigentlich sollte ich am 14. Auf der Hauptbeobachtung ablösen. Inzwischen war aber der vorgeschobene Beobachtungsposten in Peronne zu besetzen und ich musste nach dort.

Heute kehre ich von Peronne mit den verschiedensten Eindrücken und Empfindungen zurück. Die Beobachtungsmöglichkeiten waren ziemlich beschränkt. Nur an 2 Tagen gab es einigermaßen Sicht – eben genug, um mich in dem unmittelbar vor mir liegenden Grabengewirr zurecht zu finden. Peronne, das ehemals liebliche Somme-Städtchen aber glich nur noch einem großen Trümmerfeld.

Ich war erstaunt, so gewaltige Verwüstungen feststellen zu müssen, da der Gesamteindruck von der Hauptbeobachtung im Bacquets-Walde aus immer noch ein ziemlich guter war. Nachdem ich aber erst einmal mitten in dieser Steinwüste saß, wurde ich schnell gewahr, dass auch hier nur der Schein trügte.

Nicht ein einziges Haus dieser etwa 5000 Friedens-Einwohner zählenden Stadt blieb unbeschädigt. Meist waren die Geschosse schon in den Dachstühlen hängen geblieben, wie zum Beispiel auf unserer vorgeschobenen Beobachtung, auf der nur noch wendige Dachziegel Schutz gegen Wind und Wetter und gegen den Blick des Feindes gewährten.

Dann wieder hatten sich die Granaten einen Weg in die Keller gebahnt und ein wirres Durcheinander von Gewölben, Treppenstufen und Steinklötzen hervorgerufen. Oder aber ein Volltreffer saß mitten im Haus, hatte ihm den Leib von oben bis unten aufgeschlitzt und ließ nun die in den einzelnen Zimmern wild durcheinander geworfenen Möbel herausleuchten, als wären sie Eingeweide eines geschlachteten Tieres.

Alles in allem für die einst hier glücklich wohnenden Menschen bei ihrer demnächstigen Rückkehr ein trostloses Bild.

An ein Ausbessern dieser Schäden ist nicht mehr zu denken. Vollständiges Niederreißen und Wiederaufbauen aller Wohnstätten wird das einzige sein, was später dazu führen kann, wieder Leben in diese Ruinen zu bringen.

Eigenartig berührten mich jedoch beim Anblick der eingestürzten Mauern, der zerbrochenen Balken und der zerfetzten Dächer, Türen und Fenster die völlig sauberen und gut gepflasterten Straßen.

Sie waren das Werk unserer zahlreichen Infanteristen, Pioniere usw., die in Peronne in Kellern oder eingegrabenen Erdunterständen und Stollen im Ruhequartier hausen und dabei ständig für Ordnung sorgen müssen, damit in dem ungeheueren Verkehr, der sich vom Beginn der Dämmerung bis zum frühen Morgen zur Front bewegt, jede Stockung vermieden wird. Denn es ist ganz gleich, ob nun die Franzosen ruhig sind oder den Ort kreuz und quer mit Granaten und Schrapnells beharken – die Truppen in den Geschützstellungen und Schützengräben müssen täglich mit dem Notwendigsten an Essen, Munition und Material versorgt werden.

Da heißt es einfach: “Durch!” und sonderbar, manchmal vergaß ich angesichts der unfreiwilligen Komik, die bei dem Hetzen und Jagen durch die engen Straßen und Gassen entstand, sogar den Ernst der Stunde — und lachte mir einen Ast.

Der dreitägige Aufenthalt auf der vorgeschobenen Beobachtung verging angesichts des vielen Neuen, das auf mich einstürmte, wie im Fluge. Die grimmige Kälte machte sich allerdings manchmal auf unserem luftigen Dachausguck recht unangenehm bemerkbar. Oft genug mussten wir auch vor dem üblichen Segen des Feindes Reißaus nehmen und die vier Stockwerke hinunter in den Keller unseres Schulgebäudes flüchten.

Die Engländer sind nunmehr bis in die Gegend von Barleux in die feindliche Linie eingesetzt worden. Den strategischen Nutzen dieser Maßnahme vermag ich noch immer nicht zu erkennen.

Eine weitere Neuigkeit bedeutet ein mir zu Gesicht kommender Geheimbefehl, der unseren Offizieren “Sparsamkeit im Verbrauch von Lebensmitteln und ein enthaltsameres Leben” anempfiehlt. Obwohl ich mir meine Gedanken über diese Mahnung mache, möchte ich mich doch jeden Kommentars enthalten. An ihrer inneren Berechtigung aber wage ich nach meinen eigenen Beobachtungen nicht zu zweifeln.

Der nächste Tagebucheintrag folgt eigentlich am 16.2. – da es hier aber Verzögerungen gab wird er erst am 17.2. erscheinen. Ich bitte um Entschuldigung.

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