1914-1918 – Die Entwicklung der Dinge

16.7.1917 Der tägliche Zeitvertreib

/ / 8.7.-22.7.1917 Zum dritten Mal in Ruhe

Der tägliche Zeitvertreib in La  Malmaison. Reitunterricht. Ein Tag in Longuyon. Vertretung des beurlaubten Feldwebels. Soldat und Bevölkerung.

Die Wogen der Erregung haben sich geglättet.

Unsere weitere Ruhezeit hat inzwischen einen angenehmeren Verlauf genommen, als wir zunächst hoffen durften.

Die Dienstverhältnisse sind erträglicher geworden. Der Exerzierfimmel ist überwunden. Über die Verpflegung können wir nicht mehr klagen. Wir sollen sogar für die Dauer der nächsten 8 Tage erhöhte Fleisch- und Brotportionen bekommen.

Das ist allerdings verdächtig. Es ist nicht das erste Mal, das ein Opfer vorher gemästet wurde, ehe es zur Schlachtbank kam – und so glauben auch wir fast, als sei die bessere Verpflegung nur ein Anzeichen dafür, dass unsere Tage in La  Malmaison gezählt sind.

Es komme aber wie es mag!

Wir haben unsere Ruhezeit bestens genutzt.

Für die „Vize“ gab es nebenbei einen besonderen Sport: Reitunterricht. Endlich mal etwas fürs Gemüt, wenn es auch zunächst beim abgekürzten oder Mittel-Ter-r-r-rab (ohne Steigbügel) über unser Sitzfleisch mächtig herging.

Jetzt sind wir über die Karikatur des Sonntagsreiters bereits hinweg und allmählich wächst sich die ganze Sache zu einem wunderbaren Vergnügen aus. Schade nur, dass ich schon das „Eiserne Kreuz“ habe. Dem Gaul, der mich seinerzeit mitsamt dem Sattel abrutschen ließ, wollte ich wohl meine Künste zeigen.

Die Umgebung ist – wie ich bereits bei unserem Anmarsche feststellen konnte – herrlich.

Inzwischen habe ich zu Pferd und zu Fuß noch manchen Ort abklabastert und kennengelernt. Unter anderem war ich auch in Longuyon, 8 km von hier.

Anmutig schmiegt sich dieses Städtchen in das grüne Tal der Chiers. Wie schön muss es hier in Friedenszeiten gewesen sein. Leider hat aber der Ort von den Schrecken des Krieges übergenug zu kosten bekommen. Nach einem Überfall der Franzosen während des Vormarsches 1914 auf unsere darin liegenden Truppen, der  nur durch den  Verrat der Bevölkerung möglich geworden war und große Verluste gebracht hatte wurde er im wahrsten Sinne des Wortes von unserer Artillerie zusammengeschossen.

Ganze Straßenzüge gingen dabei in Flammen auf, und nur wenige Gebäude blieben unversehrt. Noch immer ragen endlose Reihen von Ruinen zum Himmel – als Warnungszeichen für ewige Zeiten. Im übrigen aber pulsiert in den Resten der Stadt ein umso regeres Leben und Treiben, insbesondere auch in geschäftlicher Beziehung.

In anderen Orten, die ich durchstreifte, konnte ich dagegen nur wenig Zerstörung feststellen. Wie ich von den Bewohnern erfuhr, sind dort ihre bewaffneten Landsleute damals in rasendem Tempo vor unseren Truppen geflohen, so dass es kaum zum Gefecht gekommen ist.

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Leider wird es mit den Spazierritten nun wohl ein Ende haben, denn heute ist mir ein ehrenvoller Auftrag zuteil geworden. Infolge der Beurlaubung des Feldwebels führe ich vertretungsweise dessen Geschäfte.

Ich bin damit über Nacht zur „Mutter“ – wenn auch nur der Kompagnie oder vielmehr Batterie – geworden. Das Wohl und Wehe von 200 Köpfen und 120 Pferden ruht in meiner Hand. Ich gehe mit Lust und Freude ans Werk; denn diese Aufgabe erfüllt mich mit Stolz und schafft neuen Tatendrang.

Mein Quartier habe ich gewechselt. Wie die früheren, so bringen mir auch die jetzigen Wirtsleute – ein paar biedere Alte mir schneeweißem Haar – größtes Vertrauen entgegen. Ich tue, als wäre ich bei ihnen zu Hause.

Eigentümlich: Die Franzosen sind unsere Feinde. Dennoch fühlen wir uns hier, wo der eine auf den anderen angewiesen ist, verbunden. Jeder denkt das Gleiche: „Warum dieses Menschenmorden, warum diese sinnlose Zerstörung? Warum auch diese endlose Trennung zwischen Mann und Weib, Bruder und Schwester, Eltern und Kind?“

Weder wir noch sie haben jetzt eine rechte Heimat. Das Band der Familie ist zerrissen – zerrissen sind auch unsere Seelen.

Immer mehr kommt es uns zum Bewusstsein, dass wir als Einzelwesen in diesen Krieg hineingetrieben worden sind – ohne unseren Willen. Jetzt sehnen wir sein Ende mit Inbrunst herbei, um wieder zu den Unseren zu kommen.

Solange dies aber nicht möglich ist, trösten wir uns über die innere Leere hinweg auf eigene Weise; und die Bevölkerung tut dabei das ihre. Den Beerenreichtum ihrer Gärten stellt sie uns gern zur Verfügung. Kirschen haben wir täglich in Hülle und Fülle. Auch Milch, ab und zu ein Ei und sogar ein wenig Butter steckt man uns heimlich zu – trotz oder gerade wegen des Verbotes derer, die die kleinlichen Sorgen des Lebens nicht ganz so kennen zu lernen brauchen wie wir.

Wir selbst aber sind dankbar für solche unscheinbaren Beweise christlicher Nächstenliebe und zeigen uns von der besten Seite, um nach unseren Abzug wenigstens einen guten Namen zurückzulassen.

Wir sind auf einmal wieder – – – Mensch, Freund und Bruder!

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Jetzt wünschten wir alle, dass unsere Ruhe noch recht lange anhalten möchte, denn wir spüren wieder ein wenig von dem Segen des Friedens.

Der nächste Tagebucheintrag folgt am 21.7.

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