1914-1918 – Die Entwicklung der Dinge

20.11.1917 Streit zwischen Bataillons- und Batterieführer

/ / 2.11.17-20.1.18 Zum dritten Mal an der Aisne

Erst waren die Franzosen ruhig – jetzt geht es wieder los. Der Streit zwischen Bataillons- und Betterieführer. “Wir” sind die Leidtragenden – und der Batterieführer geht nach der Heimat. Beobachtung auf der “Römerschanze”.

An der Front war es seit unserem Hiersein verhältnismäßig ruhig.

Gestern lebte die feindliche Artillerietätigkeit wieder auf. Die Franzosen beschossen während der ganzen Nacht unsere Stellungen und besonders das Hintergelände. Heute morgen setzte dann ein heftiger Feuerüberfall auf die Gräben im eigenen Abschnitt ein, dem ein Infanterie-Vorstoss folgte.

Dem Feinde soll es dabei gelungen sein, in etwa 3 Kompagnien-Breite in unsere Gräben einzudringen.

Aber auch in den inneren Verhältnissen der Batterie ist seit dem 15. Ein Umschwung eingetreten.

Nach monatelangem Streit zwischen unserem Batterieführer und dem Bataillons-Kommandeur bekam der erstere endlich seinen Heimatpass – eine schmerzlose Art, von der Front abzutreten. Bedauerlicherweise hatte unsere Batterie unter diesem Missverhältnis sehr zu leiden.

Vor einigen Tagen wurden wir beispielsweise mitten im Feuergefecht durch einen Bataillonsbesuch beehrt. Sämtliche Herren waren vorher nach vorn beordert worden.

Während des Schiessens gab es fortgesetzt Rüffel. Keiner der Handgriffe entsprach nach Ansicht des “Alten” den Regeln der Schießvorschrift und des Exerzier-Reglements.

Anstatt von links war Kanonier 5 von rechts mit der Munition an das Geschütz herangetreten. Als das Geschoss nach alter Übung mit der Faust in das Rohr geschoben werden sollte, wurde gerügt, dass das eigentlich nur unter Zuhilfenahme eines Laders geschehen dürfte.

Das Einrichten des Geschützes selbst ging nicht zackig genug.

Sämtliche Herren der Batterie mussten sich sogar “befehlsgemäß” davon überzeugen, dass die Geschütze nach Meinung des Bataillons-Kommandeurs falsch eingerichtet waren, woraus – wiederum mit Gewalt – die hier und da aufgetretenen Kurz- und Falschschüsse unserer Artillerie hergeleitet werden sollten. (Dabei weiss selbst der jüngste Kanonier, dass auch der Bataillons-Kommandeur mit unseren ausgeleierten Geschützrohren, die in der Länge bis zu 1000m und nach der Seite 3 bis 400m streuen, kein besseres Schießergebnis erzielen würde als wir.)

Schließlich packte mich, obwohl ich im Augenblick persönlich gar nicht davon berührt wurde, ob dieser ewigen Mäkelei die Wut.

Dass unsere Richtung nur deshalb nicht stimmen sollte, weil zufällig einmal der Herr Oberchef durchs Ziel-Fernrohr gesehen hatte, wollte mir beim besten Willen nicht in den Kopf. Ich trat deshalb aus eigener Veranlassung ans Geschütz, stellte fest, dass — alles in Ordnung war (der Kommandeur hatte in der Hitze des Gefechtes nur den Haupt- nicht von dem Hilfs-Richtpunkt unterschieden, so dass er glaubte, eine Fehlrichtung feststellen zu müssen) und meldete mit lauter Stimme: “Herr Hauptmann haben sich geirrt!” —

Eine feindliche Bombe hätte in diesem Augenblick keine größere Verblüffung hervorrufen können als meine unvorschriftsmäßige Zwischenbemerkung. Beinahe wäre ich sogar noch 3 Tage in den Kasten geflogen — und das alles eigentlich doch nur, weil Bataillons- und Batterieführer einander nicht riechen konnten.

Das heisst, wer von den Beiden nun der “gröttste Dunnerkiel” war, darüber bin ich mir nie recht klar geworden. Es mochte wohl jeder seine Schwächen haben.

Wir wollen nur hoffen, dass es unter Ära des neuen Führers, des ehemaligen Ordonnanzoffiziers beim Bataillon, Leutnant B., besser wird.

Inzwischen habe ich meine Tätigkeit gewechselt und befinde mich nach langer Zeit heute zum ersten Mal wieder auf Beobachtung.

Sie liegt auf der ehemaligen “Römerschanze” und gewährt Überblick über das Gelände des Chemin de Dames, auf den Winterberg sowie die Gegend von Corbeny, Pontavert, Chaudardes, bis hinüber zum Viller Berg. Von dort grüßt uns bekanntes Gebiet.

Man merkt wirklich, dass die Welt rund ist. Es ist mir, als wären wir immer hier gewesen.

 

Der nächste Tagebucheintrag folgt am 14.12.

  1. Mein Gott, was weht aus diesen Schilderungen für ein Untertanengeist. Aber offenbar lassen sich nur damit Kriege führen. Der „Geist“ beginnt sich zu verändern. Ob dann die Kriege auch bald aufhören? Ich wünsche mir das.

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  2. Tja ja. Solche Chefs gibt´s ja auch heute noch zu genüge. Von der konkreten Arbeit keine Ahnung, aber rummotzen des rummotzens wegen.
    Aber, dass er sich überhaupt traut, in so einem Moment vor allen Leuten Widerworte zu geben ist schon beeindruckend. Möge es ihm vergönnt gewesen sein, dass der Neue eine bessere Führungspersönlichkeit hatte.

    Mir gefällt übrigens sein Schreibstil, der mich schon oft zum Schmunzeln gebracht hat. Humor muss er gehabt haben. Dieser Sarkasmus ist einfach herrlich. Man kann sich vorstellen, wie die einfachen Soldaten immer mehr und mehr über den ganzen Krieg, die Bedingungen und eben auch von den (höheren) Offizieren und die Folgen von allem genervt waren.

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