1914-1918 – Die Entwicklung der Dinge

24.12.1916 Meine dritte Kriegsweihnacht

/ / An der Somme 30.6.16-3.3.17

10 Uhr abends.

Zum dritten male feiern wir unser “deutsches” Weihnachten in der Fremde – und haben den Krieg vergessen. Heute morgen aber war noch alles trübe in mir und um mich herum.

Die große Enttäuschung des entschwundenen Urlaubes wirkte nach. Dann kam gestern Abend unerwartet die Mitteilung, dass wir weitere 4 Tage draußen bleiben und das Fest im Stollen – ohne Christstollen – verbringen sollten. Und nun zu allem Überfluss Befehl zu äußerster Bereitschaft, da man Angriffe der Franzosen und Engländer befürchtet.

Was sollten wir mit solcher Weihnachtsstimmung anfangen? Es wurde schneller Rat als wir dachten.

Unser Leutnant hatte sich mit ein paar Pullen kalt gestellt. Wir selbst konnten noch eine Kiste mit 50 Flaschen hier aus der Sammelstelle käuflich erwerben, die in letzter Minute eintraf. Die Batterie spendete dazu: “ Pro Kopf ein paar Würstchen!”

Der eigene Galgenhumor half uns über unsere “bescheidene” Lage hinweg – ebenso über die nicht minder spärlich eingelaufenen Liebesgaben aus der Heimat (für jeden Mann ein halbes Pfund Tabak: Einjährige und Chargierte dürfen verzichten). “Wo eben nichts mehr ist, hat selbst der Kaiser sein Recht verloren!”

Jetzt aber herrscht allerwegen eitel Freude. Durch Zutaten eines Kameraden, der mit Glücksgütern reichlicher gesegnet ist als wir und seinen Überfluss wohl selbst als wenig in diese Situation passend empfindet, ist ausschließlich doch noch für jeden ein – wenn auch nur einfacher – Gabentisch zustande gekommen.

Als Weihnachtsbaum dient eine kleine Kiefer. Ein paar Lichtchen sind schnell auf- und angesteckt. Wir rücken näher aneinander, singen unsere schönen alten Weihnachtslieder — und werden plötzlich wieder zu Menschen — zu ganz kleinen Kindern, die sich vom Weihnachtszauber gefangen nehmen lassen.

Aus unseren Tabakpfeifen quillt der Qualm immer mächtiger. Graublaue Schwaden ziehen durch den engen Raum. Bald sind wir ganz eingehüllt, vergessen, dass wir nur noch Marke “Feld und Wald” schmöken — und versinken in schwermütiges Schweigen.

Die Feinde aber sind anständig und stören unseren stillen Gedankenflug nach der Heimat nicht durch einen einzigen Schuss.

Der nächste Tagebucheintrag folgt am 25.12.

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