1914-1918 – Die Entwicklung der Dinge

26.8.1917 Marke „Kohlenkasten“

/ / 21.7.-1.11.1917 Verdun

Marke “Kohlenkasten”. Der Batterieoffizier muss abtreten.

Sonntag. Was wir erwarteten ist eingetreten.

Heute mussten wir zur Unterstützung unserer Artillerie bei der Abwehr eines schweren feindlichen Angriffes rechts der Maas flankierend mit unserem gesamten Munitionsbestand eingreifen.

Unzählige feindliche Ballons standen hoch und schauten unseren Geschützen geradewegs in die Rohrmündungen. Das konnte nicht gut gehen.

Jedenfalls wurde ich das Gefühl nicht los, dass es mal wieder “dicke Luft” geben würde. Der menschliche Körper ist ja in solchen Lagen empfindlich wie ein Barometer, das schon lange vor dem aufziehenden Sturm unheilverkündend tiefer und tiefer sinkt.

Und richtig, nach etwa 120 Schuss saß auch die erste feindliche Granate in unserer Feuerstellung. Mit unheimlichem Geräusch kam sie an, — huuuu — a! — Bohrte sich kurz hinter dem 1. Geschütz in die lehmige Erde und riss mit gewaltigem Ruck zentnerschwere Erdblöcke in die Höhe.

Das Blut erstarrte uns in den Gliedern. Wir waren unfähig, auch nur einen einzigen Handschlag zu tun. Eine solche Marke war uns während des ganzen Krieges noch nicht begegnet.

Und nun ging es Schlag auf Schlag – links – rechts – davor – dahinter. Was blieb uns übrig? Wir konnten unser Heil nur in der Flucht suchen, denn die kaum 1m tiefen Gräben zwischen den Geschützen boten uns keinerlei Schutz.

Ehe wir aber davon waren, hatte es schon einen gepackt. Unser augenblicklicher Batterieoffizier , Leutnant R. von der 2. Batterie wurde von einem fortgeschleuderten Erdklumpen mit solcher Gewalt getroffen, dass sein rechter Arm im Nu zu doppelter Stärke anschwoll und ihn zwang, abzutreten. Die Batterieoffizier-Geschäfte gingen damit vorübergehend wieder auf mich über, denn unsere sämtlichen Offiziere sitzen z.Zt. “krank” in der Sammelstelle.

Als wir zurückkehrten, kamen wir aus dem Staunen nicht heraus.

Rings um die Batterie war das Erdreich in ein großes Trichterfeld verwandelt. Löcher von 6 bis 7 m Durchmesser und 4m Tiefe gähnten uns an. Erdblöcke bis zu 5 Zentner Schwere lagen in alle Himmelsrichtungen verstreut.

An dem Einschusskanal eines Blindgängers konnten wir feststellen, dass es sich um ein Kaliber von etwa 28cm = Marke “Kohlenkasten” – handelte. Eine treffendere Bezeichnung konnte für diese Sorte Mäuse nicht gefunden werden, denn wir hatten tatsächlich das Empfinden, als ob man uns jedesmal einen schweren Kohlenkasten placks vor die Füße geschmissen hätte.

Die Geschosse hatten jedoch im Gegensatz zu den sogenannten “Ratschern” fast keine Splitterwirkung. Nur so ließ es sich auch erklären, dass wir vor größerem Schaden bewahrt blieben.

Auf eine Wiederholung legen wir natürlich keinen Wert, zumal die Unterkunftsverhältnisse in der neuen Stellung denkbar einfach sind.

Wir liegen – wie zu Beginn des Krieges – auf nackter Erde unter einer dürftigen Zeltbahn. Dazu gießt es heute zu allem Überfluss in Strömen, so dass wir bis auf die Haut durchnässt sind. Der Versuch, Stollen in die Erde zu treiben, musste bei 1m Tiefe bereits aufgegeben werden, da überall Grundwasser emporquoll.

Alt werden wir hier bestimmt nicht!

 

Der nächste Tagebucheintrag folgt am 28.8.

  1. Glück im Unglück für die Artillerie! Die Besatzung konnte türmen. Die armen Soldaten von der Infanterie konnten im besten Fall in einen Unterstand kriechen und mussten dann noch stürmen. Furchtbar!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.