1914-1918 – Die Entwicklung der Dinge

29.10.1916 Die Sonne blutrot.

/ / An der Somme 30.6.16-3.3.17

Sonntag. Verlorene und wiedergewonnene Gräben bei Maisonette. Die Sonne rot – feuerrot – blutrot. Das “Schlesien-Unternehmen” um die Höhen von Peronne. Was wird der Heeresbericht sagen?

Während der letzten 4 Tage war es an der Front stets lebhaft, besonders in Richtung Maisonette – Biaches. Von beiden Seiten wurde starkes Feuer auf die verlorenen und wiedergewonnenen Gräben gelegt.

Die Sicht wechselte. Oft war der Nebel so dicht, dass man nur noch auf 50m etwas erkennen konnte.

Gestern aber wurde ich bei der prächtigen Fernsicht nicht müde, zu schauen. Bis weit ins französische Land hinein konnte ich Eisenbahn- und Wagenverkehr beobachten. Ein Zeichen, dass trotz mancher Täuschungsversuche immer noch Vorbereitungen zu weiteren Kämpfen getroffen werden.

Auch ein friedliches Bild bot sich am Abend meinen Augen dar: Die Sonne senkte sich als riesige Feuerkugel zur Erde und überflutete Landschaft und Wolken mit rostigem Golde.

Unwillkürlich musste ich an die herrlichen Herbstabende im Süden zurückdenken.

Doch jetzt sind wir leider im Westen! Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Auch gestern wird manchem die Sonne nur rot geschienen haben — feuerrot und blutrot, denn das längst geplante “Schlesien”-Unternehmen soll endlich steigen und uns in den Besitz der für beide Teile gleich wichtigen Höhe vor Peronne bringen.

Die hierzu erforderliche Artillerie-Vorbereitung unserer fast unzählbaren Batterien beginnt heute bereits morgens 8 Uhr und hält den ganzen Vormittag in wechselnder Stärke an.

Gegen Mittag suchen die Franzosen unsere Angriffsabsichten durch schweres Sperrfeuer auf Gräben und Hintergelände zu durchkreuzen. Auch unsere Beobachtungen – die Seele des Angriffes – erhalten starkes Feuer – bis zum Abend schätzungsweise rund 1000 Schuss schweren und schwersten Kalibers.

Die Artilleriestellungen werden nicht geschont.

Die Franzosen tasten die Gegend wahl- und planlos ab; sie wissen nicht recht, wo sie zuerst anfangen sollen. Alle unsere Batterien unter Feuer zu nehmen und sie zu bekämpfen ist ihnen aber unmöglich. Einige Geschütze müssen ihre eisernen Grüße für die unmittelbare Abwehr des Sturmes aufbewahren. Andere möchten die Zufahrtsstraßen sperren. Überall und nirgendwo spritzen die Erdfontänen im Gelände hoch.

Währenddessen nimmt die Beschießung und Zermürbung der feindlichen Gräben durch uns ihren Fortgang.

3 Uhr nachmittags steigert sich das Feuer zu äußerster Heftigkeit. Fast zu gleicher Zeit schiebt sich eine dicke Nebelwand über den Kriegsschauplatz. Es ist, als habe die Natur ein Einsehen und möchte das ganze Elend, das sich hier binnen kurzem abspielen wird, verdecken.

3:57 Uhr nachmittags ist Sturm angesetzt. Im letzten Augenblick wird das Wetter wieder klar. Nur auf Maisonette und Biaches jagt eine Rauchwolke die andere, blitzt und kracht es unentwegt weiter.

Pünktlich wird unser Artilleriefeuer nach vorn verlegt, um den Sturmtruppen freie Bahn zu verschaffen — und im gleichen Augenblick setzt auch schon das französische Sperrfeuer ein, das durch gelbe Leuchtkugeln (mit 3 Sternen) seitens der wenigen Überlebenden des Feindes ausgelöst wird.

Die Spannung ist aufs höchste gestiegen.

Werden die Unseren vorstürmen; wird es ihnen troz des französischen Eisenhagels gelingen, dem Feinde einige Zoll Boden abzugewinnen?

Die Granaten pfeifen über meinen Kopf hinweg und schlagen dicht hinter, vor und neben meinem Beobachtungsstand ein.

Unter anderen Umständen würde ich volle Deckung nehmen. Im Augenblick kommt mir dies jedoch alles so lächerlich gering vor gegenüber dem, was sich da vorn vollzieht, dass ich der Gefahr nicht achte und bleibe.

Während der rechte Teil der Gräben noch in Rauch und Qualm gehüllt ist, hat der Wind im linken Abschnitt die Wolken fast vertrieben — und aus dem Grau des zerschossenen und zerwühlten Bodens erhebt sich plötzlich eine lange Reihe gebückter Gestalten.

Erst langsam, dann immer schneller und schneller eilen sie vorwärts, springen sie von Graben zu Graben. Kaum haben sie die ersten Trümmer des ehemaligen Schlösschens erreicht, folgt ihnen bereits eine neue Gruppe.

Die Gegend liegt in diesem Augenblick glücklicherweise etwas weniger unter Feuer, und immer weiter trägt der Drang nach vorwärts, die Pflicht und das Selbsterhaltungsbedürfnis die schwarzen Gestalten.

Jetzt sind die Ersten in dem zweiten Trümmerhaufen von Steinen angelangt — da entsteht eine Bewegung, als entspänne sich zwischen ihnen und der französischen Grabenbesatzung ein Handgranatenkampf. Die einzelnen Gestalten eilen vor und zurück und wieder vor.

Dann aber geht die ganze Gruppe – ich schätze sie auf etwa 50 Mann – wie auf ein Kommando zurück und macht nicht eher Halt, bis sie den zuerst überrannten Trümmerhaufen wieder erreicht hat.

Hier schließen sich andere Kameraden an, und nun beginnt das Vor- und Zurückrennen von neuem.

Ein Granathagel macht dieser Hetze ein Ende. Die Gestalten sind verschwunden. Ob sie zerfetzt und zerrissen wurden – ob sie in einer kümmerlichen Erdfalte Schutz fanden, wer weiss es?

Während ich, noch ganz in Gedanken versunken, nach dem Gelände hinstarre und darüber nachgrüble, wie es den armen Kerlen da vorn wohl zu Mute sein mag, gewahre ich wiederum Bewegung. Diesmal von rechts nach links.

Ganz deutlich kann ich beobachten, dass es sich jetzt um einen Gegenstoß französischer Reserven handelt.

In langer Kette kommen sie an. Links, rechts und mitten hinein schlagen Granaten und Schrapnells.

Einer nach dem anderen sinkt zur Erde – die Reihen lichten sich immer mehr, bis auch von ihnen nichts mehr zu sehen ist.

Erst die Abenddämmerung macht dem grausigen Spiel zischen Leben und Tod ein Ende.

Ich bin von den Geschehnissen ganz benommen und kann meine Gedanken nur schwer in andere Bahnen lenken.

Wohl dem, der dieser Hölle entrann, wohl dem, der sie nur von weitem zu schauen brauchte — wohl dem vor allem aber, der nie das Grauen dieses Krieges kennenlernte und morgen nur im Heeresbericht lesen wird: “ Ein Vorstoß unserer Infanterie auf Gräben bei Peronne brachte uns …?”

Was?

Bis jetzt habe ich noch nichts darüber erfahren können.

Der nächste Tagebucheintrag folgt am 30.10. Weil sich dieser Eintrag etwas verzögert hat, vermutlich gegen späten Abend.

  1. Beeindruckender Bericht.
    Als Infanterist hatte mal wohl zu der Zeit an dem Ort keine Chance.

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